8 Tipps für den Alltag mit willensstarken Kindern

Familienalltag - praktische Tipps

8 Tipps für den Alltag mit einem willensstarken Kind!

In meinen Gesprächen mit Eltern berichtet die Mehrheit über eher introvertierte Kinder. 70 % aller hochsensiblen Menschen sind eher introvertiert, dennoch gibt es 30 % Extravertierte. Die folgende Aussage ist Teil eines Gesprächs mit einer Mutter:

So sehr sie mich nach Wutanfällen braucht, so sehr führt sie den Kampf mit mir. Egal, was ich sage, es kommt ein Veto oder „mach ich sicher nicht“ bzw. ein „Wieso muss ich immer machen, was ihr sagt, ich kann über mein Leben selbst bestimmen…Das kostet gerade morgens so viel Zeit und Energie….

Obwohl diese Aussage auch an die kindliche Autonomiephase (bekannter als Trotzphase) erinnert, gibt es hier dennoch einen Unterschied zu Kindern, die bereits von Geburt an diese Verhaltensweisen haben – es sozusagen ein Teil ihres Charakter ist. Jesper Juul nennt diese Kinder „autonome Kinder“. Die Merkmale, die er ihnen zuschreibt, sind im Wesentlichen die folgenden:

  • Sie kennen und beachten ihre Bedürfnisse genau und ohne Ausnahme
  • Sie nehmen ihre persönlichen Grenzen ernst
  • Sie lassen sich nicht manipulieren
  • Sie mögen keinen Körperkontakt, der nicht von ihnen ausgeht
  • Sie weichen vor jedem erwachsenen Verhalten zurück, das nicht vollkommen authentisch und frei von pädagogischer Manipulation ist
  • Sie sagen nur dann Ja, wenn sie die absolute Wahlfreiheit haben
  • Sie benehmen sich oft wie reife Erwachsene, die ein ausgeprägtes Selbstbild haben
  • Sie wollen immer ihre Würde und Integrität wahren

Wie äußern sich diese Merkmale im Alltag?

Bei einigen äußert sich dieses Verhalten vorwiegend zu Hause, bei anderen aber auch außerhalb. Hier sind einige Beispiele von Frühlingskindermama *), obwohl, wie ich finde, nicht alles immer in gleicher Intensität auf jedes Kind zutreffen muss:

  • Im Babyalter: starker Wille, immerzu wach, neugierig und aktiv, nicht kuschlig, aber sehr anhänglich, sehr weit entwickelt und „überhaupt nicht so, wie wir uns ein Baby so vorgestellt hatten“. Manchmal sind das Babys, die die Eltern an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringen können.
  • Wenn sie zur Welt kommen, haben sie oft schon einen reifen Gesichtsausdruck. Eine Mutter meinte dazu „…wie wir Freunde besuchten, als der Große gerade 3 Wochen alt war, sagte die Freundin als Erstes, dass er wie ein weiser alter Mann aussehen würde…“
  • Kinder brauchen Nahrung: in Form von Fürsorge und Liebe. Den meisten Kindern kann man das einfach vorsetzen. Autonome Kinder dagegen benötigen diese Nahrung „vom Buffet“, damit sie sich davon nehmen können, wann immer sie wollen. Man kann diese Kinder kaum zu etwas animieren, dass sie nicht selbst wollen.
  • Sie lassen sich nicht korrumpieren. Man kann ihnen auch nicht drohen oder sie bestechen. Sie besitzen eine außerordentlich stark ausgeprägte Integrität. Eine an sich sehr gute Eigenschaft, aber im Alltag kann sie für Eltern eine große Herausforderung darstellen.
  • Diese Kinder wollen selbst bestimmen. Sie lassen sich nicht manipulieren. Sie sind vollkommen bei sich, aber dadurch natürlich auch ab und zu sehr einsam. Willensstärke kann grundsätzlich als ein sehr positiver Charakterzug gesehen werden. Es kostet dennoch sehr viel Kraft, die Gedankengänge dieser Kinder zu erforschen, um sie doch noch zu einer Kooperation zu bewegen.
  • Die meisten autonomen Kinder kommen sehr gut im Kindergarten oder Schule zurecht oder wenn sie mit anderen Kindern spielen. Aber sie reagieren allergisch auf pädagogisches Süßholzraspeln. Sie bemerken sehr schnell, wenn Pädagoginnen und Bezugspersonen nicht authentisch sind oder sich nicht sicher sind. Da kommt es dann schnell zu einem Kräftemessen.
  • Kinder wie diese benötigen keine Strafen. Es geht vielmehr darum, dass man ihnen sagt: „Ich bin dabei, zu lernen, wie ich mich verhalten muss, damit es dir gut geht.“ Dann müssen sie nicht so viel Energie darauf verwenden, ihren Willen durchzusetzen. Abgesehen davon, dass Kinder grundsätzlich keine Strafen brauchen 😊 geht es hier darum, Konfliktpunkte schon im Ansatz zu vermeiden, Bedürfnisse versuchen zu verstehen und somit dem Kind entgegen zu kommen – was in einem hektischen Alltag oft nicht geht.
  • Wenn Eltern unaufdringlich ihre Hilfe anbieten und sich aller Erklärungs-, Motivations- und Manipulationsversuche enthalten, dann nehmen autonome Kinder diese Hilfe gern an. Ihr Körper entspannt sich, und ihre Erleichterung, der Einsamkeit entronnen zu sein, wird deutlich. Erst wenn die Eltern ihre Eigenart voll und ganz akzeptieren, lassen sie es zu, dass man sich um sie kümmert und sie umsorgt.

Jesper Juul, wie auch die meisten anderen Erziehungsratgeber aus der beziehungs- und bedürfnisorientierten Ecke, berücksichtigen Hochsensibilität und Hochbegabung nicht. Jedenfalls nicht explizit. Alle anderen Erziehungsratgeber sind sowieso weit davon entfernt, diese Themen in ihre Betrachtung aufzunehmen.

Vom jeweiligen Forschungsstandpunkt der Hochsensibilität und Hochbegabung gesehen, stimmen die von Jesper Juul beschriebenen Merkmale aber sehr gut mit denen von HSK und HBK überein. Auch wenn jede Wissenschaft sich nur um den eigenen Bereich zu kümmern scheint, ziehe ich dennoch den Blick „über den Tellerrand“ vor und kann diese, von Jesper Juul beschriebenen Merkmale, sehr deutlich in den eher extravertierten HSK/HBK wiederfinden.

Der Jüngere unserer Söhne isst mit Vorliebe dann, wenn wir nicht essen – beim Abendessen kommt er nach 2 Bissen drauf, dass er jetzt sicher keinen Hunger hat – dafür kurz vorm Schlafengehen. Die Bitte zum Zähneputzen, Umziehen oder Wegräumen wird oft ignoriert, mit „sicher nicht“ kommentiert, nur um ihr dann nach ein paar Minuten doch nachzukommen. Er hat ein (nur scheinbar) großes Selbstvertrauen und ist andererseits sehr verletzlich und sehr schnell beleidigt…

Wie geht man nun mit autonomen Kindern um? Tipps für den Alltag!

Die folgenden Tipps kennst du vielleicht aus Juul’s Büchern und du wirst sie eventuell auch schon anwenden. Trotzdem möchte ich betonen, dass sie bei diesen Kindern wirklich eine absolute Notwendigkeit sind, wenn wir unser eigenes Reizniveau konstant senken wollen, um als Eltern möglichst lange in der Komfortzone zu bleiben 😊

Sei authentisch und rede authentisch: das bedeutet im Klartext, benutze unbedingt die „Ich-Form“ bei deinen Aussagen und vermeide „man-Aussagen“ wie z.B. „Das macht man nicht!“ Mache darüber hinaus klare und persönliche Ansagen ohne jeden Firlefanz – dieser wird nämlich bei aller Kreativität sehr gut für Ablenkungsmanöver genutzt 😊  „Ich will, dass du dich anziehst, du kannst das machen, wann du willst, aber ich will, dass du es tust.“ Auf diese Weise muss das Kind nicht kapitulieren, sondern hat das Gefühl, es stellt die Bedingungen.

Lass dem Kind Zeit, über deine Aussagen nachzudenken: mach eine Pause, damit dein Kind über dein Gesagtes nachdenken kann. Es braucht Zeit, sich der Aufforderung/der Aussage klar zu werden, sie zu reflektieren, eigene Lösungswege abzuwägen um danach gegebenenfalls mit eigenen Ideen zu kommen.

Rede offen: dein Kind ist sehr klug und durchschaut fadenscheinige Aussagen. Es kommt ganz gut mit der Wahrheit zu recht, auch wenn es noch ein kleines Kind ist und aufgrund enttäuschender Wahrheiten entwicklungsbedingt Wutausbrüche haben kann. Tipps, wie du damit umgehen kannst, findest du hier.

Frage nach seinen Bedürfnissen: „Was brauchst du?“ und „Was willst du?“ sind ganz wichtige Fragen bei diesen willensstarken Kindern, die ganz genau wissen, was sie NICHT wollen. Vielleicht hast du das Bedürfnis verkannt oder den Grund für sein Verhalten nicht richtig erkannt, sodass ihr aufgrund dieses Missverständnisses komplett aneinander vorbeiredet.

Biete Wahlmöglichkeiten: bei allem, wo du das ermöglichen kannst! Bei der Zeit (Verlassen des Spielplatzes, Schlafengehen), beim Tagesablauf (Mahlzeiten, Zähneputzen, Anziehen), bei Varianten (Schlafen mit oder ohne Pyjama, Süsses vor oder nach der Hauptspeise..) – kurz gesagt, werde kreativ und hinterfrage deine eingeprägten Muster.

Was du möglichst vermeiden solltest!

Vermeide Körperkontakt: außer er wird vom Kind initiiert. Es bedeutet nicht, dass das Kind kein ausgesprochenes Kuschelkind sein kann und du den Körperkontakt in jedem Fall vermeiden solltest, jedoch geht die Initiative meist vom Kind aus.

Vermeide jegliche Pädagogik: althergebrachte Erziehungsmethoden fruchten aus den angegebenen Gründen nicht – lass dich auf neue Methoden des Zusammenlebens mit Kindern ein.

Vermeide jeglichen Machtkampf: grundsätzlich gibt es bei Machtkämpfen zwischen Eltern und Kindern immer nur Verlierer. Als Eltern stellen wir uns über das Kind, machen uns zum Gegner und verlieren die Verbindung zu ihm. Das Kind fühlt sich gedemütigt, in seiner Integrität verletzt und steht allein da – die Verbindung zu uns ist ja gekappt

Wenn du merkst, dass dein Kind dieses Gefühl der absoluten Autonomie braucht, dann versuche dies, wann immer zu ermöglichen. (Wenn dein Kind grundsätzlich kooperativer ist, lassen sich diese Punkte dennoch in der Autonomiephase gut anwenden.)

Nimm‘ es nicht persönlich, beziehe es nicht auf dich, sondern versuche es vom Standpunkt des Kindes aus zu betrachten: Dieses Kind braucht zumindest das GEFÜHL autonom, unabhängig und frei zu entscheiden, auch wenn es dies logischerweise nicht immer und absolut tun kann.

Das Kind weiß meist genau, was es selbst kann, doch es kann es nicht allein! Es braucht (wie alle Kinder) deine liebevolle Fürsorge, deine Hilfe und deinen Rat – doch muss es sich dabei um Angebote handeln. Alles andere erlebt es als Angriff auf seine persönliche Autonomie.

Machtkämpfe sind ein Schuss nach hinten und bringen die ganze Familie in eine Abwärtsspirale.

Das Besondere an den autonomen Kindern ist ihre überdurchschnittlich ausgeprägte Eigenverantwortlichkeit. Sie wollen selbst zu allem Stellung beziehen. Sie wollen selbst Entscheidungen treffen. Wenn sie sich falsch entschieden haben, wollen sie dies selbst erkennen und selbst einen Ausweg finden.

Jesper Juul: Vier Werte, die Kinder ein Leben lang tragen

Diese Kinder in ihrem Wesen zu erkennen und sie nicht zu etwas Anderem machen zu wollen, ist für uns Eltern, die wir ja meist alle eine Erziehung durchlaufen sind, oft ganz schwer. Meist sehen wir uns (unbewusst) in unserer Autorität bedroht, und haben Sätze wie „die tanzt dir ja auf der Nase herum“, „wer hat hier die Hosen an, du oder dein Kind?“ im Kopf.

Für uns als Eltern bedeutet das, sich einerseits gegen kritische Stimmen von außen zu wappnen und gegebenenfalls unser Kind zu verteidigen – diese Stimmen werden unweigerlich kommen.

Es bedeutet daher auch, uns unsere eigenen Prägungen bewusster zu machen. Sich mit ihnen auseinanderzusetzen, damit wir in der Lage sind, oben genannte Strategien authentisch umzusetzen.

Das Interview zu diesem Thema mit Jesper Juul (von 2015) findest du hier.

Hast du noch andere Strategien? Verrate mir deine bewährten Tipps und Tricks entweder in den Kommentaren unten oder in meiner FB-Gruppe „Hochsensibilität im Familienalltag“!


Beispiele *) sind aus dem Buch von Jesper Juul: Elterncoaching – Gelassen erziehen, in Aufarbeitung von Frühlingskindermama. Die Beschreibung und Merkmale der „autonomen Kinder“ findet sich in mehreren von Jesper Juuls Bücher und Interviews wieder.

 

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