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Hochsensibilität und Sensorische Integration

Familienalltag - praktische Tipps

Immer häufiger werde ich auf die möglichen Gemeinsamkeiten und Überschneidungen von Sensorischer Integrationsstörung (Sensory Processing/Integration Disorder) und Hochsensibilität (Sensory Processing Sensitivity) angesprochen.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass sie sich ähneln. Immerhin zeigen sich (vor allem bei Kindern) in der Überreizung ähnliche Verhaltensmuster. Eine hochsensible Person kann sehr wohl Wahrnehmungsstörungen haben, jedoch sieht man bei genauerer Betrachtung, dass es grundlegende Unterschiede gibt und gar nicht so viele Gemeinsamkeiten.

Was bedeuten die beiden Begriffe denn genau?

Nur kurz nochmals zur Erläuterung: 15-20% der Bevölkerung sind hochsensibel, und 80% sind normalsensibel. Hochsensibilität ist eine normale Temperamentsvariation, die sich aus einem guten Grund entwickelt hat. Es gibt quasi 2 verschiedene Strategien, die die Evolution hervorgebracht hat.

Das folgende Beispiel veranschaulicht die beiden Strategien sehr schön:

Stelle dir 2 Rehe am Rande einer Lichtung vor, deren Gras besonders nahrhaft aussieht. Das eine Reh (Strategie 1) bleibt längere Zeit stehen, um sich zu vergewissern, dass keine Raubtiere lauern. Das andere Reh (Strategie 2) bleibt kurz stehen, prescht dann vor und lässt sich das Gras schmecken. Wenn das erste Reh Recht hatte, wird das zweite getötet – wenn das zweite Recht hatte, entgeht dem ersten das beste Gras (und wird auf Dauer irgendwann an Unterernährung zugrunde gehen).

Elaine N. Aron

Eines ist klar – keine von beiden Strategien ist besser oder schlechter! Erst beide zusammen, dh. in der Ergänzung bilden sie schlussendlich die beste Chance auf Überleben.

Was hier sichtbar gemacht wird: Hochsensibilität ist keine Störung.

Nun zur Sensorischen Integration

Die Ergotherapeutin und Psychologin Dr. Jean Ayres entwickelte in den 1960-er Jahren die Theorie der Sensorischen Integration, welches den Prozess des Ordnens und Verarbeitens der Sinnesinformationen im Gehirn beschreibt.

Die Nahsinne (das sind der taktile, vestibuläre und propriozeptive Sinn) liefern uns diese Informationen. Wenn die Verarbeitung der sensorischen Information im Gehirn nicht so passiert, wie es sein soll, dann liegt eine Störung, eine sogenannte Wahrnehmungsstörung, vor:

Eine sensorische Integrationsstörung ist eine leichte neurologische Funktionsstörung, durch die das Kind die Informationen von seinen Sinnen nicht gut verarbeiten kann. Im Gehirn herrscht eine Imbalance, die fein abgestimmten Strukturen sind nicht synchronisiert. Das Gehirn des betroffenen Kindes ist nicht in der Lage, Sinnesinformationen so zu verarbeiten, dass das Kind gute und exakte Informationen über seinen eigenen Körper und seine Umwelt erhält.

Ursachen laut GSIÖ

Schädliche Einflüsse auf das unreife Gehirn wie:

  • Infektionen in der Schwangerschaft,
  • Sauerstoffmangel bei der Geburt oder
  • extreme Reizarmut in der frühen Kindheit

können sensorische Integrationsstörungen verursachen. Manchmal finden sich in der Vorgeschichte eines Kindes gar keine Auslöser, und das Kind hat dennoch eindeutig Zeichen einer sensorischen Integrationsstörung.

Diese Störung (auch Wahrnehmungsstörung, zentrale Verarbeitungsstörung oder sensorisch-integrative Dysfunktion) ist kein einheitliches Krankheitsbild!

Die Ausprägungen sind sehr unterschiedlich – manche Kinder sind:

  • unterempfindlich (hyporeaktiv), d.h. sie registrieren die Signale ihres Körpers und ihrer Umwelt gar nicht oder verzögert, andere sind
  • überempfindlich, was sie zu Überreaktionen, Wutausbrüchen, Reizbarkeit oder Rückzug veranlasst.

 

Und genau diese Überreaktion ist eben oft auch bei hochsensiblen Kindern zu beobachten – allerdings aus einem anderen Grund.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Hochsensible Kinder, genauso wie Kinder mit Wahrnehmungsstörungen, reagieren in vielen Situationen über – sie haben ‚Trotzanfälle‘, Wutausbrüche, sind sehr gereizt oder ziehen sich, je nach Charakter, total zurück.

Hier stellt sich die Frage, ob das nicht für alle Kinder in gewissen Situationen gilt? Natürlich hat jedes Kind derartige Gefühlsausbrüche, wenn es sich nicht mehr Herr über die Lage, sich ohnmächtig oder in Gefahr fühlt.

Nur die Grundlage für dieses Verhalten ist unterschiedlich:

  • Reize (also sensorische Information) werden von hochsensiblen Personen viel eingehender wahrgenommen und auf kompliziertere Weise verarbeitet. Die Aufnahme und Verarbeitung von Sinnesreizen funktioniert, salopp ausgedrückt, zu gut! Dadurch sind hochsensible Personen viel früher an ihrer Grenze der ÜBER-Reizung und müssen dafür sorgen, die Reizaufnahme zu stoppen – Kinder machen das, indem sie „entladen“.
  • Kinder mit sensorischer Integrationsstörung, sind oft frustriert, weil sie wollen, aber nicht können! Ein Kind mit Störungen der sensorischen Verarbeitung muss sich zum Beispiel (unbewußt) darauf konzentrieren, nicht vom Sessel zu fallen und kann daher dem Unterricht schlechter folgen. Es kann viele Situationen nicht meistern und fühlt sich daher nicht selbsteffektiv. Das führt verständlicherweise zu starken Gefühlen, die raus müssen. Mehr Info über häufige Störungsbilder findest du hier.

Was tun?

Natürlich können hochsensible Kinder auch eine ‘darüber gelagerte’ Wahrnehmungsstörung haben, zum Beispiel des Gleichgewichtssinns (in welcher Position befinde ich mich? Aufrecht, kopfüber,…).

Sie profitieren in so einem Fall von einer SI-Therapie. Es wird angenommen, dass 70% der Kinder/Erwachsenen heutzutage eine Wahrnehmungsstörung in der einen oder anderen Form haben, aber nicht alle davon therapiebedürftig sind.

Ein Kind mit (therapiebedürftigen) Wahrnehmungsstörungen sollte so rasch als möglich Unterstützung bekommen. Die Rolle der Eltern ist hier unter anderem, Großeltern, Betreuungspersonal oder Lehrpersonal aufzuklären, damit sie mit dem Kind verständnisvoller umgehen können.

Auf der anderen Seite ist hochsensiblen Kindern bereits damit geholfen, wenn sich Eltern mit Hochsensibilität auseinandersetzen und versuchen den Alltag ihres Kindes zu ‚entreizen‘. Die eigene Hochsensibilität anzunehmen und die eigene Kindheit in einem anderen Licht zu sehen tun ihr übriges. Wann es sinnvoll ist, der Umwelt von der Hochsensibilität deines Kindes zu erzählen, findest du hier.

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