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Der IQ und seine Aussagekraft 

Ob ein IQ-Test der beste Weg ist eine mögliche Hochbegabung zu ermitteln, darüber scheiden sich die Geister. Hier in diesem Beitrag gebe ich dir Einblick, wann Testen überhaupt sinnvoll ist und warum ich dazu eine umfassende Begabungsdiagnostik für 'brauchbarer' erachte, als einen reinen IQ-Test durchzuführen.

In diesem 2. Teil des Gastbeitrags * schreibt Gast-Autorin Eva Gredel über den IQ und seine Aussagekraft in Bezug auf Hochbegabung und diese erkennen zu können.

Der IQ und seine Aussagekraft in Bezug auf Hochbegabung

Ist der „messbare“ Wert einer Hochbegabung auf einen Schwellenwert von 130 IQ-Punkten festgesetzt, gibt es zahlreiche Persönlichkeitsmerkmale, die in Verknüpfung mit einer hohen Intelligenz auftreten und offensichtlich sind. Dabei ist zu berücksichtigen, dass einige davon bereits ab einem IQ-Wert von 115-120 auftreten und charakteristisch sein können, selbst wenn in solch einem Fall eine Hochbegabung von „offizieller“ Seite nicht bestätigt werden würde (dazu wird sich allein auf die IQ-Werte ab einer kognitiven Intelligenz von 130 berufen).

Hochbegabung erkennen: Die Herausforderung der richtigen Herangehensweise

Um das Konstrukt der Hochbegabung in einem ersten Schritt besser verstehen zu können, ist es sinnvoll, zunächst Verhaltensweisen in ganz unterschiedlichen Situationen unter die Lupe zu nehmen. Diese Veranlagung zeigt sich so vielfältig und komplex und ist von so unzähligen Prägungen im Laufe eines Lebens abhängig, dass voreilige Beurteilungen nicht pauschal durchzuführen sind. Erfolgen diese zu oberflächlich und beispielsweise vorrangig lediglich an vermeintlichen „Verhaltensauffälligkeiten“, kann eine Hochbegabung unerkannt bleiben und durch eventuelle "Diagnosen", die in andere Richtungen zeigen, weitreichende Konsequenzen für den weiteren Lebenslauf eines hochbegabten Kindes haben.

Generell stoßen wir hier auf das gesellschaftliche Problem, dass hochbegabte Kinder in der allgemeinen Auffassung beispielsweise eher nicht mit „problematischem Verhalten“ oder „rückständiger Entwicklung“ in Verbindung gebracht werden. Kinder, die durch Beobachtungen in Kindergarten oder Schule so eingeordnet werden, bekommen im nächsten Schritt nicht selten eine wie auch immer geartete "Diagnose", die in die pathologische Richtung abzielt und daraufhin eine entsprechende Therapie angeordnet, die wiederum zu dem von den Erwachsenen gewünschten, idealen Verhalten führen soll (lies dazu auch hier weiter "Wie Hochsensibilität, Hochbegabung und ADHS zusammenhängen").


Wie ist die Aussagekraft eines ermittelten IQ?

Die richtige und unterstützende Begleitung von Kindern, die tatsächlich Hilfe hinsichtlich ihrer Entwicklung benötigen, soll damit nicht in Frage gestellt werden. Es bleibt hier allerdings die Tatsache häufig unbeachtet, dass es sich gerade bei verhaltensauffälligen Kindern lohnt, ganz genau hinzuschauen und ebenso empathisch wie konstruktiv zu überprüfen, woraus dieses Benehmen resultiert. Liegt eine Hochbegabung vor? Denn gerade wenn das soziale Umfeld aus Familie, Freunden und Schule in irgendeiner Form aus dem Gleichgewicht geraten ist, sind es vor allem hochbegabte Kinder, die darauf äußerst intensiv, empfindsam und auf ihre ganz eigene Art und Weise reagieren.

Welche Einflüsse wirken sich auf hochbegabte Kinder und Erwachsene aus?

Um verschiedene Einflussfaktoren für hochbegabte Kinder und auch Erwachsene anzuführen, verweise ich im Folgenden auf das Münchner Hochbegabungsmodell von Kurt Heller (2000, zit. n. Reichardt 2018: 49f.). In diesem Modell wird schlüssig aufgezeigt, welchen unbegrenzten äußeren Einflüssen hochbegabte Menschen ununterbrochen ausgesetzt sind und wie sich diese aufeinander auswirken.

So sind es bei weitem nicht – wie oft angenommen – nur naturwissenschaftliche Bereiche, in denen hochbegabte Kinder in der Schule „auffallen“ können. Alle Schulfächer bzw. Themenfelder wie z.B. auch Sprachen, Sport oder Bildende Kunst lassen sich als Kriterien für eine Beurteilung von Hochbegabung anführen: „Es handelt sich also keineswegs, wie immer noch vielfach angenommen, nur um Mathematik und Naturwissenschaften, sondern durchaus auch um Bereiche, die allgemein eher selten mit einer kognitiven Hochbegabung in Verbindung gebracht werden. Wir finden hier auch Sport und Kunst sowie soziale Beziehungen [...]“ (Reichardt 2018: 49f.)

Münchner Hochbegabungsmodell

Auf diese Leistungsbereiche treffen also nach dem Münchner Begabungsmodell die veranlagten sogenannten „Begabungsfaktoren“, die hochbegabte Kinder seit Geburt mitbringen, wie z.B. kreative, intellektuelle oder künstlerische Fähigkeiten sowie auch eine außerordentliche soziale Kompetenz oder Musikalität. Diese Faktoren können ebenfalls wiederum in sehr unterschiedlicher Intensität ausgeprägt sein und in ihrer Kombination auf sehr unterschiedliche äußere Voraussetzungen treffen. Unter diese Voraussetzungen fallen wiederum u.a. das Beziehungsklima in der Familie, die Atmosphäre in der Schulklasse oder diverse Lebenserfahrungen, die das Kind sammelt bzw. bereits gesammelt hat.

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So führt beispielsweise ein negatives Klassenklima (wenig Zusammenhalt, lediglich Beachtung von Regeln, aber nicht von Gefühlen der einzelnen Schüler, Leistungsdruck etc.) dazu, dass sich ein hochbegabtes Kind mit seinen vorhandenen Potenzialen – wie oben bereits erwähnt – „versteckt“ hält und in den Kreislauf des Underachievements gerät. Seine Fähigkeiten finden so keinen Weg nach draußen, bleiben ohne Förderung und das betroffene Kind kann weder seine Intelligenz noch sein Potenzial konstruktiv nutzen und voranbringen.

Schließlich kommen nach dem Münchner Modell noch „nicht-kognitive Persönlichkeitsmerkmale“ hinzu, die sich auf die Entwicklung hochbegabter Kinder und Erwachsener auswirken. Dazu gehören die bereits erwähnte „Leistungsmotivation“, erlernte oder eben auch nicht vorhandene „Arbeits- und Lernstrategien“, die Fähigkeit zur Stressbewältigung oder diverse Ängste vor einzelnen Situationen (Angst vor Klassenarbeiten, Angst, im Mittelpunkt zu stehen oder die Leistung punktuell vor den Augen von Mitschülern oder Mitarbeitern abzurufen) (vgl. Reichardt 2018: 49f.).

Das Münchner Begabungsmodell zeigt auf, in welch komplexen Wechselbeziehungen das Verhalten hochbegabter Kinder und Erwachsener steht und wie hoch die Notwendigkeit ist, dieses konsequent im Kontext der jeweiligen zu beurteilenden Situation zu betrachten.


Anpassung für das Umfeld?

Zur Bewusstmachung dieser Tatsache kann zudem folgendes Zitat hilfreich sein: „Wenn hochbegabte Kleinkinder sich den Erfordernissen anpassen, mag das die Mitmenschen fröhlicher machen. Für die Kinder sieht das anders aus“ (Niklas 2017: 77f.). Und weiter, zitiert aus der amerikanischen Marland-Studie von 1972 (benannt nach Sidney P. Marland, der diese Studie durchführte): „Manche junge Menschen mit Potenzial verbergen ihre Fähigkeiten, um sich einer normaleren Gruppe anzupassen. Hochbegabt zu sein heißt oft, anders zu sein und einzigartig und zu oft unsichtbar“ (zit.n. Niklas 2017: 78).

An dieser Stelle wird die Situation hochbegabter Kinder beispielhaft angeführt – die Erfahrungen der Kindheit wirken sich auf das weitere Leben und das Verhalten im Erwachsenenalter aus: „[...] wer als Kind lernen muss, unsichtbar zu werden, ist irgendwann erwachsen und immer noch unsichtbar, und zwar nicht nur für Mitmenschen, sondern hochgradig auch für sich selbst" (Niklas 2017: 78).

Bezüglich dieser großen, konstanten – da täglichen – Herausforderung, sich an eine Gesellschaft anpassen zu müssen, deren Vorstellungen und Ideale nicht den eigenen entsprechen, ist auch der darauf folgende Satz zutreffend: „In einer solchen Diskrepanz zwischen gewolltem Schein und ungewolltem Sein zu leben, geht auf Dauer nicht gut, weil es die Basis für das ist, was man psychische Instabilität nennt" (Niklas 2017: 78). Die sich daraus ergebenden psychischen Mechanismen für hochbegabte Kinder und Erwachsene sind auf dieser Ausgangslage beruhend logisch herzuleiten.

Hier findest du Teil 1 dieses Artikels Hochbegabung erkennen: Ein Blick auf hochbegabte Kinder und Erwachsene.

Teil 3 dieser Gastartikel-Serie findest du in Kürze hier.


Dieser Gastbeitrag wurde von Gast-Autorin Eva Gredel geschrieben und erschien auch auf ihrem Blog:

Mehr über Eva findest du hier >>


Quelle:  Niklas, Andreas/Niklas, Claudia (2017), München: Kösel Verlag:

Quelle:  Reichardt, Eliane (2018): München: Irisiana:

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